Autor Thema: Pablo-Neruda-Bibliothek in Friedrichshain baut Bildungsbarrieren ab  (Gelesen 1361 mal)

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Romeo und Julia ohne Fremdwörter
 
Keine Fachwörter, keine Schnörkelschrift, wenig Genitiv und immer nur eine Aussage pro Satz - so lauten die Grundregeln der Leichten Sprache.

Mit einer eigenen Abteilung dafür will die Pablo-Neruda-Bibliothek in Friedrichshain Bildungsbarrieren abbauen.

Auf den ersten Blick sieht man dem Romeo-und-Julia-Buch nicht an, dass es anders ist. Doch beim Durchblättern fallen die große schnörkellose Schrift und die vielen Absätze auf. Das Wort "Totenbahre" zum Beispiel ist unterstrichen. Der Leser kann es im Anhang nachschlagen. Das Shakespeare-Drama teilt sich ein Regal mit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - in vereinfachter Kurzfassung" und der "Weihnachts-Geschichte in Leichter Sprache". "Ich bin gespannt, wer da so kommt", sagt sich Katharina Werner. "Wahrscheinlich erst einmal viele Betreuer von Menschen mit Leseschwäche", vermutet die Bibliothekarin.

Ab Sonnabend leitet sie einen Bereich, der deutschlandweit bisher einmalig ist. Die insgesamt 250 Medien richten sich an Menschen mit geringer Lesekompetenz, Behinderte sowie Demenzkranke. Die Medien zusammenzutragen, sei gar nicht so einfach gewesen, berichtet die 50-Jährige. Bisher hat nur das Deutsche Institut für Menschenrechte in Mitte eine eigene Sammlung von Literatur in Leichter Sprache. "Es gibt noch gar nicht so viel in diesem Bereich." Denn im Gegensatz zur "einfachen Sprache" sei das Prädikat "Leichte Sprache" sogar zertifiziert. "Wer solch ein Buch herausbringt, muss sich an viele Regeln halten", erklärt die Buchexpertin. Sie selbst musste sich dazu erst einmal durch "Das neue Wörterbuch für Leichte Sprache" arbeiten. Gleiche Worte für gleiche Dinge, Arial statt New Times Roman, aktive statt passive Wörter, jeder Satz eine neue Zeile, so wenig Konjunktive und Genitive wie möglich und Sonderzeichen vermeiden - lauten die Kriterien.

Dass man sich überhaupt Gedanken um leicht lesbare Sprache macht, sei erst mit dem Internetzeitalter losgegangen, erzählt Katharina Werner. Viele Behörden, die Informationstexte ins Netz stellen, hätten sich inzwischen der Leichten Sprache verschrieben. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle ist auch das Ziel der Lebenshilfe Berlin, die das Projekt in der Friedrichshainer Bezirksbibliothek gemeinsam mit der Aktion Mensch unterstützt. "Nur wer über die notwendigen Informationen verfügt, kann selbstbestimmt Entscheidungen über das eigene Leben treffen", sagt Lebenshilfe-Chef Ulrich Bauch, der den neuen Bereich am Sonnabend feierlich einweihen wird.


Seit Anfang September trifft sich in der Bibliothek auch einmal wöchentlich der LEA Leseklub der Lebenshilfe. Die Teilnehmer führen sich mit Unterstützung gemeinsam Texte in Leichter Sprache zu Gemüte. "Mitmachen kann aber jeder, der Freude am Lesen hat", sagt Katharina Werner.

Seit fast 30 Jahren arbeitet die gebürtige Vogtländerin in der Pablo-Neruda-Bibliothek, ist mit dem Haus schon zweimal umgezogen. Zuletzt in eine alte Schule an das Frankfurter Tor, die in den vergangenen Jahren zu einer modernen vierstöckigen Bibliothek mit Internetarbeitsplätzen und eigenem Café umgebaut wurde. Das Glas reicht vom Boden bis zur Decke. Katharina Werner kann die Menschen die Frankfurter Allee entlang hasten sehen. "Auch im Internetzeitalter sind hier die Benutzerzahlen stabil", sagt Werner. Über eine Plattform können auch E-Books heruntergeladen werden. Ausleihautomaten werden per Passwort bedient. In der "Artothek" können auch Wandbilder ausgeliehen werden. "Inzwischen sogar kostenlos", freut sich die Bibliothekarin.

Originale aus der Sammlung der Staatlichen Museen Schwerin sind dagegen in einem Lesetasthörbuch abgebildet, das die Lebenshilfe für den neuen Leicht-Lese-Bereich gespendet hat. Es führt Kunstliebhaber, die schlecht oder gar nicht sehen können, ins goldene Zeitalter der Niederlande. Auf einem Gemälde peitscht eine scharfe Briese Schiffe durch die stürmische See. Sie sind genauso zu ertasten, wie das milde Licht der Sonne, das nach dem Gewitter wieder durch die dunklen Wolken bricht.

Pablo-Neruda-Bibliothek, Frankfurter Allee 14A, geöffnet Montag bis Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Freitag 11 bis 17 und Sonnabend 11 bis 16 Uhr. Telefon: 030 902985750

Quelle: Moz
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Albert Einstein